Wir verlieren unser Zuhause

Gedanken zu den Überschwemmungen

Wir sind heute Morgen zu den Bildern der Überschwemmungen aufgewacht. Wie schon in der Vergangenheit schien uns das beste Mittel gegen das Gefühl der Hilflosigkeit, einen Text, über das, was da gerade passiert, zu verfassen. Ihr findet ihn untenstehend.

Vor drei Jahren haben ein Verwandter und seine Frau für ihre Familie ein Haus gebaut. Raphael hat sich immer gefragt, warum sie und so viele andere diese Wahnsinnsarbeit auf sich nehmen, sich auf Jahre raus verschulden. Doch als er das erste Mal durch den Rohbau lief, aus den Fenstern in den Garten blickte, die festen Wände unter den Händen spürte, verstand er, warum: Es ist dieses Gefühl von Schutz und Sicherheit.

Im rheinland-pfälzischen Ort Schuld sind nach schweren Regenfällen mehrere Häuser eingestürzt, Menschen wurden verletzt, mindestens 18 haben ihr Leben verloren, viele weitere gelten noch als vermisst. In Solingen musste ein 82-jähriger Mann nach einem Sturz in seinem überfluteten Keller reanimiert werden, verstarb später im Krankenhaus. In Hückeswagen evakuierten Rettungskräfte 1500 Menschen teils mit Booten aus ihren Häusern, auch in Wuppertal mussten Menschen ihr Zuhause verlassen, da ein Staudamm drohte überzulaufen.  

Klaus Kleber erklärte gestern Abend im ZDF überraschend klar, wie es dazu kommen konnte. Unwetter habe es immer gegeben, doch da sich der Jetstream über der Arktis verlangsamt, werden sie häufiger. „Also liegt es am Klimawandel“, sagte er. Doch was Kleber nicht sagte: Extremwetter werden nicht nur häufiger, sie werden auch heftiger.



Im Westen der USA stiegen die Temperaturen in den vergangenen Wochen auf teils 54 Grad Celsius, brachen sämtliche Hitzerekorde des Landes. Auch Finnland wurde von einer Hitzeglocke heimgesucht. Vergangenes Jahr bereisten wir Mosambik. Zuvor war Zyklon Idai über das Land hinweggezogen, einer der schlimmsten Wirbelstürme seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Eine Frau erzählte, wie sie mit ihren Kindern in ihrem kleinen Haus kauerte, der Sturm das Dach und die Türen wegriss, sie vergeblich durch die Nacht irrte auf der Suche nach Schutz.

Am nächsten Tag waren weite Teile des Landes überflutet. Hunderttausende hatten ihr Zuhause verloren, über tausend Menschen ihr Leben. Die Fluten schwemmten die Ernten weg, zerstörten die Lebensgrundlagen unzähliger Kleinbäuerinnen. Wir wollen damit nicht sagen, dass die Menschen in Deutschland nochmal glimpflich davonkommen könnten, Leid lässt sich nicht aufwiegen. Was wir sagen: Hört den Menschen im globalen Süden zu, die schon seit Jahrzehnten unter den Folgen der Klimakrise leiden, denn sie habe eine entscheidende Botschaft, und die lautet: Wenn es so weitergeht, dann werden wir kollektiv unser Zuhause verlieren. Dann wird der Planet Erde weitgehend unbewohnbar. Dann gibt es keine Stabilität und Sicherheit mehr. Nirgends.

Im Grunde könnte das allen klar sein, seit der US-amerikanische Klimawissenschaftler James E. Hansen 1988 vor den laufenden Kameras des Senats erklärt hat, wie menschliche CO2-Emissionen die globalen Temperaturen in die Höhe treiben, und welche Folgen das haben wird. Doch gehandelt wurde nicht. Und das gilt bis heute.

Klimawissenschaftlerinnen schätzen, dass es bei gleichbleibenden Emissionen noch wenige Jahre sind, bis wir sogenannte Kipppunkte des Klimas überschreiten. Danach verselbstständigt sich die Klimakrise. Doch der deutsche Wahlkampf dümpelt vor sich hin, Armin Laschet faselt weiterhin ungestraft von Wirtschaftswachstum, erschwert in Nordrhein-Westfalen den Ausbau erneuerbarer Energien, kriminalisiert Klima-Proteste.

Von der SPD ist kaum mehr zu hören, und selbst die Grünen verpflichten sich nicht auf das 1,5 Grad-Limit. Der am Mittwoch vorgestellte EU-Klimaplan „Fit for 55“ gilt vielen als Meilenstein, dabei ist es eher ein Grabstein, da auch er weit über 1,5 Grad hinausschießt, was Temperaturanstiege bis Ende des Jahrhunderts bedeutet, die zu unvorstellbaren Hitzewellen, Bränden, Überschwemmungen führen werden.

Dabei wäre es falsch, die Schuld nur bei der tatenlosen Politik und bei Konzernen zu suchen, die lobbyieren. Auch wir von der Presse haben das Thema jahrelang verschlafen, und tun es bis heute: warum sonst käme Armin Laschet so ungeschoren davon, warum sonst, würden wir uns wochenlang über Annalena Baerbocks Buch echauffieren, warum sonst sagt niemand, dass „Fit for 55“ hoffnungslos unzureichend ist?

Uns ist es mittlerweile richtiggehend peinlich, dass es immer wieder Fridays-Aktivistinnen wie Carla Reemtsma braucht, die sagen: „Das 55 Prozent Reduktionsziel für 2030 reicht eben nicht aus, um einen ernsthaften Beitrag zur Eindämmung der Klimakrise zu leisten.“ Die Aufgabe der Presse ist es, als Korrektiv der Politik zu fungieren. Auch wir versagen dabei, angemessen auf die Klimakrise zu reagieren.

In diesem Augenblick hoffen wir, dass alle, die derzeit noch vermisst werden, gesund geborgen werden, dass es nicht zu noch weiteren Opfern kommt. Und wir hoffen, dass die Regierungen des globalen Nordens bald genug tun werden, um die Klimakatastrophe einzudämmen.  

Raphael & Theresa